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Interesse am Informatikstudium sinkt weiter

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Written by Thomas Steiner.


Interesse am Informatikstudium sinkt weiter

Heute im Heise-Newsticker: Immer weniger Studienanf?nger in Informatik. Zuerst einmal, eine n?chterne Meldung vom Bitkom (Bundesverband Informationswirtschaft, Telekommunikation und neue Medien e.V.), und, wie es ein Forumsbeitrag recht genau auf den Punkt bringt, wundert man sich fast schon, dass nicht sofort wieder ein enormer Fachkr?ftemangel f?r die kommenden Jahre vorausgesagt wird. Jedenfalls, ich, als von der Statistik direkt betroffenes Individuum, kann die aktuelle Entwicklung durchaus nachvollziehen.

Uni Karslruhe

Erinnern wir uns zur?ck an Info I, es war das Jahr 2002, und ich ein 'Ersti' an der Uni Karlsruhe. Erstes Semester, Informatik I, Prof. Goos, empfohlene vorlesungsbegleitende Literatur - welch' Zufall - Goos, Vorlesungen ?ber Informatik Band 1 (ich erspare mir den Amazon-Link). Diamantenlemma und 'wennst du' ist alles, was mir von dieser Veranstaltung geblieben ist (Goos-Kenner wissen, wovon ich rede). Und dieser fast schon ver?chtliche Blick auf Ingenieure: "Das ist reines Handwerk, das k?nnen die von der FH machen". Ich habe meine Zeit an der Uni Karlsruhe zu Beginn fast schon gehasst. Diese Anonymit?t, diese ineffizienten Massenveranstaltungen, diese v?llige Missachtung jeglicher p?dagogischer Elementarregeln (man denke nur zur?ck an Indizes 'i' und 'j' auf einem Tageslichtprojektor mit Schmierhandschrift) und diese teilweise offene "Eure-Bl?dheit-kotzt-mich-an"-Haltung gewisser Professoren (oben erw?hnter Prof. Goos sei hiervon bewusst ausgenommen).

ENSIMAG Grenoble

Seit September 2005 studiere ich nun an der ENSIMAG in Grenoble und bin dort in einem Doppeldiplomsstudienprogramm eingeschrieben. Die ENSIMAG geh?rt zu einer der besten Schulen im franz?sischen (sehr hierarchischen Schulsystem). Die Abk?rzung ENS(IMAG) steht f?r ?cole Nationale Sup?rieure, also h?chste staatliche Schule. Einer meiner Doppeldiploms-Kommilitonen meinte einmal recht sarkastisch "wenn das eine der besten Schulen Frankreichs ist, dann m?chte man nicht die schlechten sehen". Es ist nicht unbedingt so, dass die ENSIMAG schlecht ist, die ENSIMAG ist vielmehr anders. Die Sichtweise ist hier genau umgekehrt wie in Karlsruhe. Hier in Frankreich r?mpft man ein bisschen die Nase ?ber die Wissenschaftler in ihren Elfenbeint?rmen, Vorlesungen und Praktika sind (zumindest von der Konzeption und dem 'Gedanken dahinter' her) sehr viel praktischer ausgelegt, Beweise werden l?ssig fallengelassen und der wissenschaftliche Anspruch der Vorlesungen ist meinem Empfinden nach geringer. Anonymit?t wird hier ersetzt durch die schulklassenartige Atmosph?re, Autonomie durch stures Abpinseln von der Tafel.

Kulturelle Eigenheiten

Man denkt und programmiert auf franz?sisch:
tanque (vrai) faire
si (tampon plein) alors erreur; sinon continue;
fin tanque;
wobei der Variablenname "tampon" dem der franz?sischen Sprache m?chtigen Leser bestimmt sofort als "Buffer" eingeleuchtet ist. W?hrend der Franzose ein eigenes Wort kreiert, um obiges Programm von Fehlern zu befreien (d?boguer, ausgesprochen wie deh-b?-geh), ?bernimmt die deutsche Sprache einfach das englische debuggen (ausgesprochen wie die-baggen). Keine der Varianten ist wirklich "besser", man muss nur einfach wissen, dass wenn man Anglizismen im Franz?sischen anwenden m?chte, man diese grunds?tzlich mit franz?sischer Aussprache glattb?geln sollte. Kenner sprechen von franglais, was unserem Denglisch entspricht. Andererseits w?rde ein Franzose sich niemals in die sprachlichen Abgr?nde begeben, in die sich eine deutsche ERASMUS-Studentin hinabgewagt hat, indem sie zu einer Sache nicht agree-en konnte. Ich durfte in der Stra?enbahn Zeuge dieses unterhaltsamen Dialogs werden. Die meisten meiner ENSIMAG-Kommilitonen haben ?brigens ein recht beschr?nktes Englisch, weshalb an der ENSIMAG Englischunterricht Pflicht ist, von Anfang an bis zum bitteren Ende, nicht etwa nur das erste Studienjahr.
Wenn der franz?sische Ingenieurshochschuldozent allgemein doch eher die Wissenschaftler bel?chelt, so werden franz?sische Forschungserfolge stets besonders herausgestrichen ("C'?tait un Fran?ais qui a...").

R?ckblick und Ausblick

In Karlsruhe habe ich die Uni nicht besonders leiden k?nnen, zum Ende des ersten Semesters hin wollte ich sogar die Informatik ganz aufgeben, danke Mama und Papa f?rs mich daran hindern ;-). In Grenoble habe ich die Schule (von "Uni" will ich hier nicht reden) als eher unangenehmen Lebensabschnitt empfunden und pl?tzlich Karlsruhe nicht mehr sooo schrecklich gefunden. Meine beste Zeit hatte ich in Karlsruhe, als ich die Autonomie des deutschen Studiensystems ausnutzte, mich ein Semester lang genau zwei Monate an der Uni blicken lie?, genau die vier n?tigen Klausuren bestand, die ich f?r Frankreich noch brauchte, und den Rest meiner Zeit in Hamburg bei meinem Praktikum bei Google verbrachte (Februar bis August 2005). Seitdem arbeite ich in Teilzeit f?r Google, war in den USA als Google Engineering Intern, und ab Februar 2007 werde ich f?r Google meine Diplomarbeit schreiben.
Sicherlich, ich arbeite nicht gerade einen neuen Beweis ?ber den G?delschen Unvollst?ndigkeitssatz aus und Skolem-Normal-Formen habe ich auch nicht gerade im K?hlschrank, aber vielleicht - sollte Herr Goos meinen Blogeintrag lesen - w?rde er mir dennoch zumindest ein wenig anerkennend in seiner v?terlichen Art auf die Schulter klopfen und mir zu-fr?nkeln: "Mei, Bub, wennst du gl?cklich bist...".
Die letzte Vorlesung meines Unilebens werde ich derweil voraussichtlich am 19. J?nner 2007 begie?en. Vielleicht ja mit Feuerzangenbowle, wohl eher nicht mit Professor Goos.

Image from bitkom.org